_ultimo (0-04-30-14)Circular Inscription | 06:50 min | 2016

Auf einem ausgetrockneten See kreist ein Auto spiralförmig um einen Mittelpunkt. Die Kreise werden größer, der Staub, der aufgewirbelt wird, verdichtet sich. Je weiter das Fahrzeug ausholt, desto hörbarer wird das Reifenquietschen.
Davor, bis das Auto fast unerwartet die Szene betritt, passiert lange nichts. Danach, nachdem es exzessiv seine Runden gedreht hat und den Ort des Geschehens jäh verlässt, steht das Bild wieder still. Und doch hat sich Grundlegendes ereignet. Die Spuren, die das Auto hinterlassen hat, bleiben nicht nur sichtbar, sie haben die Landschaft, die Struktur und die Beschaffenheit der Erdschicht durchdrungen und verändert.
In der Videoarbeit “Circular Inscription” filmt Lukas Marxt dieses Ereignis mittels einer Drohnenkamera aus einer Distanz heraus, in der das Fahrzeug bereits im ersten Moment seines Erscheinens die Landschaft merkwürdig umkrempelt und dominiert. Das Wechselspiel der Dominanz zwischen der kargen, verlassenen Natur und den tranceartigen, kreisenden Bewegungen des Autos läutet eine neue, beschleunigte Zeitempfindung ein. In präzisen, automatisierten Bewegungen, durch die sich das drohnengleich unbemannt scheinende Fahrzeug immer tiefer und breiter in die Natur einschreibt, macht es sie zur Leinwand seines Machwerks.
Der Arbeit wohnt eine irritierende Zeitlichkeit inne, die den Landschaftsbezug des Betrachters und die Konstellation zwischen den Akteuren neu formiert. Der filmische Prozess untergräbt und überstülpt die Wahrnehmung. Im zweiten und jedem weiteren Abspielen des Videos scheint es fast so, als wären die Einschreibungen schon immer da gewesen. Das Bild wirkt wie aufgeladen, zwar nicht durch einen linearen Prozess, sondern durch Überlagerungen von Bildebenen, die aufeinander verweisen und einen spezifischen Ursprung des Bilds und eine Linearität der Ereignisse in Frage stellen. Lukas Marxt inszeniert ein Spiel zwischen Naturspektren, zwischen einer fast ruhenden, die Jahrmillionen überstandenen Natur, dem Menschen, der dieser Natur entsprungen ist, und einem Fahr- und Werkzeug, das von diesem Menschen erschaffen wurde, aber der ersten Natur wie ein Fremdkörper gegenübersteht. Verschiedene Zeitlichkeiten prallen aufeinander – eine menschliche, eine technische und eine geologische. Sie durchmischen sich und hinterlassen ein vielschichtiges Bild, in dem die Machtverhältnisse zwischen den Akteuren ungeklärt, wenn nicht verklärt sind. Die Umkreisungen als zentrales Formelement suggerieren dabei die Überzeitlichkeit einer Bewegung, in der der Mensch und sein Werkzeug die Natur irreversibel vereinnahmen, gestalten und ihrer selbst überlassen. (Shahin Zarinbal)

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