Double Dawn | 29:21 min | 2014

Lukas Marxt Film richtet sich in der Finsternis der Landschaft ein. Was wir sehen ist eine 30-minütige statische Einstellung, in der sich die Stille ausbreitet: ein beleuchetes Fabriksareal am Horizont, ansonsten nur Schwarz, so flach und weit aufgespannt wie eine Leinwand. Der Zyklus der Sonne gibt die Dramaturgie des Filmes vor. Wir erleben einen Sonnenaufgang und die kurz darauf einsetzende Sonnenfinsternis in Echtzeit, gefilmt über der Ranger Uranmine in Australien.
Während das Bild sich geduldet erhellt zu werden, wird der Zuseher in einen erwartenden Zustand verdichteter Leere geworfen. In dieser doppelten Bewegung des Werdens, dem Sonnenaufgang und der Genese eines Bildes, nistet sich die Kategorie der Dauer ein. Nach einiger Zeit zeichnet sich am Horizont das Rot der Morgendämmerung ab. Der Blick wird langsam auf einen riesigen, in die Erde geschlagenen Krater freigegeben, der einige Minuten später wieder in die Nacht zurückschlüpft. Als die Sonne die Landschaft nach kurzem Zögern vollständig offenlegt, hält der Film an.
Double Dawn spannt seine Medienreflexion zwischen elementaren Oppositionen auf. Zwischen der ins Dunkel getauchten Umgebung und dem Licht der dämmernden Sonne, zwischen Realität und Fiktion. Denn in dem Bild des doppelten Sonnenaufgangs, der sich auf den stummen Sedimenten des radioaktiven Elements abzeichnet, formt sich das Narrativ postapokalyptischer Inszenierung. Der Tagebau beschwört als in die Erde geschlagene Wunde die Assoziation eines Meteoriteneinschlags oder nuklearen Katastrophe nur allzu gut. Nur durch die Tonspur wird man an die Realität rückgebunden. Zu hören sind die Geräusche der nahen Umgebung: Grillenzirpen, Vogellaute, ebenso wie Geigerzähler und die Schritte des Filmemachers im Hintergrund. Das Resultat  ist ein kristallines Bild, in dem das luzide Verhältnis von realem Setting und Fiktion zu flirren beginnt.
Marxt provoziert das Paradox eines unaufgeregten Staunens im unwissenden Zuseher – ein verwirrendes Spiel zwischen Konkretem und Unbestimmtem. Subtil und geduldig, jenseits der gewohnten medialen Aufregung und mit beiläufiger Geste wird dieses kosmische Ereignis festgehalten, in einem Bild das in die Tiefe der Erde gerichtet ist anstatt in den Himmel. Sinnlicher Realismus und die Sphäre des Surrealen kollidieren in diesem Naturschauspiel, als wäre es anarchische Magie.
(Shilla Strelka)

_MG_5393New Talents, Köln, 2014