Rising Fall | 41 min | 2011

Rising Fall ist eine dreitteilige Studie über Natur als ihr Schauspiel, über das, was Spinoza natura naturans, die selbsttätige Natur, genannt hat. Etwas passiert, ohne dass es hierzu eines lenkenden Eingriffs bedürfte. Filmische Bilder, die sich begnügen reglos hinzuschauen und hinzuhören und abzuwarten. Und von der Betrachtung gleiches erwarten. Das Sich-Anvertrauen einer Immanenz der Natur also. Es sind Bewegungen, die sichtbar, aber vor allem auch hörbar sind, die im geordneten Dasein so nicht auffallen. Vielleicht weil sie zu unbedeutend sind, zu wenig Gestaltung vorweisen, zu wenig Zweck. Dennoch ereignen sich Wechsel, ja Metamorphosen, die ihre eigene Geschichte erzählen, jene okkasionellen Entwicklungen, die den Menschen nicht einbeziehen, sich völlig unabhängig von ihm ereignen.

Die einzige Anordnung, der Lukas Marxt folgt, ist eine Wettervorhersage für einen bestimmten Ort und die Auswahl eines Kamerastandpunktes an diesem Ort. Alles weitere »passiert«, ereignet sich im Fluß der Dinge, der Atmosphären, ohne Orientierung. Die Betrachtung ist in Sehen und Hören kontingenter Prozesse augehoben, eine Wahrnehmung in Einsamkeit. Also in distanzlosem Mitsein. Eine äußerst vielfältige, komplexe Welt an Tönen erfüllt das Bild und den Raum, in dem wir uns befinden: Rauschen, Widerstände im Wind, aufschlagende Regentropfen, Tiergeräusche. Diese Ebene der Töne erweist sich als die Mitte der Bilder, als ihre ästhetische Immanenz. Die sichtbare Welt wird von ihrer akustischen Gestalt überformt. Wenn in der letzten Sequenz ein Skater die Plattform betritt, dann scheint seine Aufgabe bloß die zu sein, sich auf dieser in Schleifen fahrend in der Tiefe aufzulösen und vor allem: ein weiteres Geräusch dem Raum hinzuzufügen. Das Individuum ist stumm, das Leben nicht.
(Marc Ries)